Hypostasen der Weiblichkeit

”Der Gedichtband von Andra Tischer ist aufgebaut wie eine ausgefeilte Definition eines facettenreichen Selbst, das sich stets auf den Anderen bezieht. Vor den Augen der Leser entfaltet sich das Bild eines Weges von Ihr zu Ihm, wobei diese sich meistens an gegensätzlichen Punkten gegenüber stehen, die sich an den Enden zweier Unendlichkeiten befinden.

Die Liebe vermittelt die Begegnung zwischen diesen beiden Welten, wobei gleichermaßen am Nullpunkt der Begegnung die Poesie geboren wird oder sich schon befindet. Dies scheint die Autorin zu sagen: hier sind Ruhe, Schweigen, der Ort außerhalb der Zeit, der Raum, in dem das Wesen wiederbelebt wird, sich wieder zusammensetzt und sich analysiert. Hier, an der Grenze zwischen den beiden Welten, befindet sich ein Bahnhof, ein Bahnsteig, hier kann man einatmen, hier werden das Leid oder die Zeit aufgehoben.

Und offensichtlich wird hier die Poesie geschmiedet. Eine Poesie der Eingeweide, des intensiven und minutiös analysierten Erlebens, eine Poesie, die aus Hunger, Durst, Wunde, Knochen, Blut entstand, als Ausdruck der Ehrlichkeit oder des Leides, die für die schöpferische Tätigkeit als notwendig erachtet werden: In meinem Herzen ist kein Platz mehr für Blut oder sie wussten nicht, dass ich ausgeblutet war….

Die Gedichte in diesem Band sind Bekenntnisse und Versuche, das Ich zu definieren in Beziehung zur zeit oder zum Wort aber stets in Beziehung zur Liebe, die Leid oder Ekstase bedeuten kann:

Ohne Liebe kann nichts sein, der Weg verloren (Labyrinth)

Außer Liebe ist nichts, nur Eiszeit, Apokalypse

So dass es unmöglich wird, schöpferisch tätig zu sein: ich schreibe… (Geschichte einer Katastrophe).

Die Liebe wird unterschiedlich beschrieben: als Kriegsschauplatz aber auch als unschuldiges oder dem Zufall überlassenes Spiel oder im Gegenteil als gefährliches Glücksspiel, wie russisches Roulette – als Raserei der Sinne aber auch als heiterer, ruhender Zustand, wie an einem Sonntag.

Geliebte, Weib, Verliebte, Dichterin, Magierin, aber auch Lorelei oder (eine andere Art von) Anna Karenina sind nur einige der zahlreichen Facetten der Weiblichkeit, die in dem Gedichtband angedeutet werden. Was dabei zählt ist scheinbar die Notwendigkeit, sich selbst durch das Wort, durch die Poesie zu erbauen: vergib (…) Silbe für Silbe.

Raserei, Leidenschaft und Entfesselung sind die Zustände, die diese bestätigen, selbst wenn sich zuweilen die Einsamkeit durchsetzt. Der Andere, der ebenfalls in mehreren Hypostasen gesehen wird, ist schließlich der Sinn der Liebe. Seine interessanteste Definition: Er wird mit der Poesie assoziiert und damit mit der Ruhe oder mit einem Schutzraum: Ruhe

Letztendlich zählt der Andere, da er die Liebe und damit das Schaffen ermöglicht hat. Folglich ist die Präsenz des Anderen conditio sine qua non für die schöpferische Tätigkeit überhaupt. (Sicherlich gibt es auch eine andere Lesart: Der Andere gilt nur innerhalb der schöpferischen Tätigkeit.)

Zwischen Ihr und Ihm findet ein Dialog wie zwischen Anwesenheit und Abwesenheit statt, in dem die jeweiligen Hypostasen keine Rolle spielen. Ob ein Spiel oder ein Tanz beginnt (Walzer oder Tango), ob es um Mathematik geht oder um ein Ritual mit Bannsprüchen oder Inkantationen, all dies sind bloß Möglichkeiten, die eingesetzt werden auf der Suche nach Harmonie, Verschmelzen oder Ähnlichkeiten, nach Rast (Kaffee), Ruhe oder Schweigen/Stille.

Der vorliegende Gedichtband von Andra Tischer veranschaulicht, wie das große Rhema der Liebe verschiedene Register, Töne, Rhythmen und Zustände erlebt, denn die Autorin hält diese minutiös aber auch rigoros fest, als ob sie mit einer riesigen Lupe ein filigranes Schmuckstück anfertigt, auf das sie (auch) ihre Gedichte schreibt/ritzt. Durch ihre Venen scheint Tinte statt Blut zu fließen, weil sie das eigene Blut verwendet hat, um die Gedichte zu schreiben.

Das Ergebnis ist eine Poesie von überwältigender Nüchternheit, entsprungen der Ehrlichkeit aber auch der Notwendigkeit, ich zu verstehen, sich richtig zu positionieren in Bezug zur Welt, die sie in und durch den Anderen baut, jedoch ohne Romantik. Dadurch sind die Gedichte umso verführerischer  desto mehr  sie (Ab)Bilder der nackten, ungeschminkten Seele sind.

Deshalb ist es vielleicht kein Zufall, dass Andra Tischers Gedichten eine innere Musik innewohnt, als geboten nicht nur von einem inneren Rhythmus (oder von Denotationen) sondern auch von gewissen Versen aus zeitgenössischen Liedern, die vielleicht gerade deshalb eingesetzt werden, um den zuweilen viel zu ernsten oder bitteren Ton abzumildern, in dem sie ihre Seele preisgibt oder zeigt. Die gleiche Motivation könnte auch im Falle der Verwendung von bekannten Versen oder Bildern gelten, die mit Ironie oder Selbstironie manchmal als Collagen oder Kombinationen (Minulescu) eingesetzt werden. Scheinbar will die Autorin sie mit Humor einsetzen, um uns/sich von den Eitelkeiten zu heilen aber auch um möglicherweise ihr Leiden oder ihre Enttäuschung zu tarnen. In dem vorliegenden Band entwickelt sich aus dem Weg zwischen ihr und ihm, die unabdingbar miteinander verbunden sind, gleichermaßen ein anderer Weg zwischen Lesenden und Autorin.

Dieser führt unausweichlich durch den gleichen Bahnhof oder vorbei an der Haltestelle der Tramlinie 19, wo die Autorin verweilen muss, um wieder zu Atem zu kommen und um sich wiederzufinden. Hier findet sie, wie ich schon sagte, die Poesie und schreibt sie auf, nachdem sie das Herzklopfen beruhigt hat. Die Verse erreichen den Leser Beschwörungsformeln gleich, die die Autorin in den Zustand eines vergänglichen und zerbrechlichen Lebewesens zurückversetzen, nachdem sie Lorelei mit ihrem verführerischen Gesang gewesen ist.” (Ohara Donovetsky)

Lebenslauf

Die Poesie ist nicht dein Recht zu leiden

Vergebens versuchst du das Wort auszusprechen, sein Sinn liegt in der Luft

Die Poesie ist kein Heilmittel deine Wunden zu pflegen

Das du wendest wie ein Pflaster zum Trocknen aufgehängt

Auch liegt es nicht an dir zu weinen wenn du dich verloren hast

In der Hast deine Spur in den Tagen zu verwischen

Nein, die Poesie liegt im Norden der Selbstliebe

Und ist keine Mutter, die dir das Fieber wegpustet

Vergebens suchst du sie im Ausweis zwischen den Ziffern

In dem Morgen an dem die Welt weinend erwacht

Über Leere und Angst im Selbst

Auch nicht die Frau die sich dir für zwei Silberlinge hingibt

(als er verkauft wurde, befand sich Jesus in ihren Händen

und in den Knien derer die ihm folgten)

der einzige Weg führt zu dem gleichen Gott, Glauben und Sünde,

Engel und Dämon sind in meinem Buch und der Kampf mit dem Alleinsein

Meine Poesie ist mein Krank-Sein an dir

Die in unsere Vitalorgane gegrabene Zeit

Und Krankheit des Todes unheilbar pulsierend

Ironisch entsagen wir dem Satan mit der Zeit

die wächst durch das an die Knochen geklebte Fleisch

so ist meine Poesie am Gaumen deines Mundes der Geschmack

nach der Frau die ich bin.

Das Erscheinen dieser zweisprachigen Ausgabe ist das Ergebnis der Bemühungen und des Engagements von Beatrice Ungar. 

1963 in Hermannstadt geboren, daselbst hat sie Germanistik und Rumänistik studiert. Nach 3 Jahren im Lehramt ist sie seit 1988 Redakteurin und seit 2005 Chefredakteurin der ,,Hermannstädter Zeitung”. Zahlreiche Übersetzungen literarischer Werke aus dem Rumänischen ins Deutsche, u. a. 4 Gedichtbände der Roma-Schriftstellerin Luminița Mihai-Cioabă. Seit 2004 gewählte Vertreterin des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien im Kreisrat Hermannstadt, Mitglied der Gemeindevertretung der Evangelischen Kirchengemeinde A. B. Hermannstadt u. a.

Die Buchpräsentation findet am 13. Oktober 2022 um 17:00 Uhr im Foyer der ASTRA-Bibliothek Sibiu statt.

 

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